
Bayer 04 Leverkusen vs. FC Bayern München, der Cheftrainer als Coach, abgegrenzt zur Rolle eines Systemischen Coaches
11. Feb. 2024
4 Min. Lesezeit
BELASTBARE vs. BELASTETE BEZEHUNGEN
In meinem ersten Beitrag offenbarte ich bereits die Nähe zu meinem Club, den ich seit 1974 unterstütze, dem FC Bayern München. Der neutrale Fußballfan mag es mir verzeihen, wenn meine Zeilen manchmal mit rot-weißer Tinte geschrieben sind, aber die gestrige Niederlage im Spitzenspiel in Leverkusen und die Art und Weise, wie diese zustande kam, ist eine Steilvorlage für einen Systemischen Coach.
Ähnlich wie in den vergangenen Spielen unserer Nationalmannschaft, merkte man dem Team von Thomas Tuchel eine gewisse „Blutleere“ an. Das WIR, das im Teamsport von jedem noch so großartigen Star vor das ICH gestellt werden muss, stand beim Team von XABI ALONSO im Vordergrund, aber gewiss nicht bei den Bayern. Nicht nur das 1:0, sondern der gesamte Spielverlauf und vor allem die Körpersprache der Spieler unterstreicht diesen Missstand.
Aber warum gelingt es dem Trainerteam in München nicht, eine Mannschaft zu formen? Fehlen Führungsspieler? Wurden diese gar demontiert?
Offen gestanden war der Start für Thomas Tuchel alles andere als einfach. Sicher war man damals noch in allen drei Wettbewerben vertreten und hatte noch sämtliche Möglichkeiten, aber der Zustand des Teams und das Fehl eines echten Stoßstürmers mit Weltklasseniveau waren keine guten Vorzeichen für die Phase in den Wettbewerben, in denen man agierte.
Wenn man die Ausgangssituation auf der zwischenmenschlichen Ebene betrachtet, dann tritt ein weiteres schwerwiegendes Manko ans Tageslicht: Zwischen Julian Nagelsmann und den verantwortlichen Leadern im Team bestand ein gewachsenes Vertrauensverhältnis und es herrschte eine Struktur innerhalb der Mannschaft. Dass dabei Manuel Neuer samt seines Adlatus, Toni Tapalovic, abserviert wurden, mag nicht von allen Beobachtern gut geheißen worden sein, aber daran ist Manuel Neuer selbst nicht ganz unschuldig. Und wer mochte es dem ehrgeizigen jungen Trainerstar verdenken, als er bzgl. der Torhüterposition neue Wege einschlug?
Diese Gemengelage war eine denkbar ungünstige für den Start von Thomas Tuchel. Hinzu kam noch, dass, wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag, das Starensemble physisch nicht in einem optimalen Zustand war. Also viele Baustellen für einen Cheftrainer! Aber die wichtigste Aufgabe scheint man unterschätzt bzw. vernachlässigt zu haben:
Meines Erachtens, und die Fernsehbilder und Informationen aus den Interviews liefern deutliche Anzeichen, hat man an der Säbener Straße vergessen, ein TEAM zu formen.
Als Cheftrainer trägt Thomas Tuchel dafür die Verantwortung, auch wenn seine Interpretation Rolle sich wohl mehr auf die fußballerische Entwicklung der einzelnen Spieler, auf konditionelle, technische und vor allem taktische Themen konzentriert.
Auch wenn die Rahmenbedingungen zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme nicht optimal waren, hatte er genügend Zeit sein Team zu formen.
In zweien meiner früheren Beiträge (u.a. Das Leibchen mit dem Bundesadler – Lust oder Last) durfte ich bereits einen Vortrag von Markus Weise, Hey Trainer kannst Du auch Coach, verlinken.
Markus Weise spricht in dieser Präsentation von der Coaching-Rolle eines Trainers,
BELASTBAREN UND NICHT BELASTETEN BEZIEHUNGEN,
und formt dabei ein sehr anschauliches Bild:
Die Trainerrolle lebe er in den Zeiträumen zwischen den Wettkämpfen, in den Trainingseinheiten, in denen er konditionelle, technische und taktische Aspekte in den Vordergrund stelle, aber speziell in der unmittelbaren Phase vor den Wettkämpfen, während dieser und unmittelbar danach, sei er als Coach gefordert. Markus Weise sagt hierzu sinngemäß: Dann liegt der Fokus nicht mehr auf technisch einwandfreien Abläufen, sondern darauf, wie jeder Einzelne mit seinen Stärken den optimalen Beitrag auf seiner Position zur besten Teamleistung liefern kann. Und damit bringt er deutlich zum Ausdruck, an welcher Stelle der Cheftrainer einer Mannschaft als Coach gefordert ist!
Dies scheint Thomas Tuchel und seinem Team nicht zu gelingen. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, man würde Strukturen in der Mannschaft demontieren. Einige „unglückliche“ Aussagen des Cheftrainers lassen das vermuten und ich möchte es Eurer Einschätzung überlassen, ob der Cheftrainer eher belastbare oder belastete Beziehungen zu seinen Kickern pflegt.
Und dabei möchte ich es in meinem heutigen Beitrag mit dem FC Bayern auch belassen.
Es wäre interessant, was Norbert Elgert, dem Knappenschmied (Knappenschmiede nennt sich das NLZ des FC Schalke 04), wohl zur Körpersprache seines Zöglings, Leroy Sane, einfällt.
Sieht dieser sog. Ausnahmespieler eigentlich, was er für Signale sendet? Hier finden wir ein deutliches Beispiel des ICH, welches deutlich vor dem WIR gelebt wird... BASTA – Eigentlich wollte ich die beiden Rollen, CHEFTRAINER und SYSTEMISCHER COACH voneinander abgrenzen.
In diesem Sinne:
Ein Systemischer Coach hat im Gegensatz zu einem Cheftrainer, wie ihn Markus Weise beschrieb, einen anderen Fokus. Er betrachtet je nach Blickwinkel ein soziales Konstrukt, bspw. das Umfeld eines Fußballtalents, wie in meinem Schaubild „Systemisches Coaching talentzentriert ©“ dargestellt.

In diesem Rahmen begleitet er seinen Klienten/Coachee und wendet situationsgerechte Kommunikationstechniken an, um Entwicklungsbarrieren bzw. -hemmnisse zu beseitigen.
Aus dieser Perspektive betrachtet, kommt der Systemische Coach also komplett aus der anderen Richtung: Er möchte, wie in meinem Fall, den einzelnen Spieler in seinem Kosmos zu Klarheit, Fokus und Gelassenheit führen, damit er als ein Element im Teamkonstrukt optimal wirken kann! Und hier, wo die Arbeit des Systemischen Coaches endet, beginnt die Aufgabe des Cheftrainers als Trainer und als Coach!
MIT KLARHEIT, FOKUS UND GELASSENHEIT ZU EINER OPTIMALEN ENTWICKLUNG
Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!